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Vergessene Welt – Drachenbaukunst in Oaxaca, Mexiko

von Redaktion • 9.9.2009 • Kategorie: Wissen & Planen • Sport & Design Drachen bestellen

Die Stadt Oaxaca und dessen wunderschönes Umland mit gleichem Namen, gelegen an der Südspitze Mexikos, gilt als Wiege der Kultur der Zapoteken. Mit ihrer 2.000-jährigen Geschichte zieht sie laut Reiseführer schon seit Jahrhunderten die Besucher in ihren Bann. Der grünliche Kalksandstein, der zum Bau von Kirchen verwendet wurde, führte zum indianischen Namen „Stadt aus Jade“. Es gibt genügend interessante geschichtliche Infos und Tipps für Sehenswürdigkeiten, aber keine Hinweise auf eine Drachenkultur. Die wurde erst durch Melissa McKelvey, eine frühere Mitarbeiterin der Drachen Foundation, aufgedeckt.


Ausstellung im Centro de las Artes de San Augustín in Oaxaca

Die Drachen aus Guatemala werden aufgebaut und aufgehängt

Nancy Kiefer – bekannt für mit Gesichtern versehenen Drachen – brachte einige ihrer Kunstwerke mit ein

Drachen von Francisco Toledo

Ein Meisterwerk von Scott Skinner


Greg Konos Fischdrachen


Einfach in der Form überzeugen die Drachen durch ihr Design

Mit solchen Papierdrachen gedenkt man in Mexiko der Toten

Knallige Farben und auffallende Motive zeichnen die mexikanischen Drachen aus

Vor ungefähr drei Jahren nahm die Geschichte ihren Lauf. Melissa war auf dem Rückflug von Mexiko nach Seattle, Anlass ihrer Reise war der „Día de los Muertos“, dem Tag der Toten, einem der wichtigsten Feiertage Mexikos. Ein Fest zur Erinnerung an die Da­­hingeschiedenen, das in allen Bereichen des Lebens zelebriert wird, vom Aufstel­len der Altäre, Gebete der Trauernden – und dem Fliegen von Drachen zur Erinnerung der Toten. Während ihrer Totenwache vergaß Melissa irgendwo, nicht wieder auffindbar, einen mexikanischen Drachen. Dieser, ohne aufwändige Verarbeitung, nur mit einfachem Gestänge, primitivem Segel und simpler Waage, zeichnete sich aber durch ein wundervolles Motiv aus. Handgemalt, auf sehr schwerem, handgeschöpften Papier, mit einer Oberfläche fast wie aus gewebtem Schilf. Melissa beschreibt die Farben als erdgleich, nennt sie grüne Schatten. Das Motiv: eine Fledermaus. Keineswegs eine klar gezeichnete Fledermaus, vielmehr die Andeutung einer solchen.

Francisco Toledo
Auf der Suche nach dem Erbauer wandte sich Melissa an ihren Kollegen Ali Fujino. Durch ihre Beschreibung neugierig geworden, versuchte er die Quelle des Drachens und seine genaue Produktionsstätte ausfindig zu machen. Dabei stieß er auf Francisco Toledo, den berühmten mexikanischen Künstler mit zapotekischen Wurzeln, der 2005 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Von ihm und seinem Instituto de Artes Gráficas de Oaxaca (IAGO) stammte der Drachen.

Bereits vier Jahre nach Beginn seiner künstlerischen Ausbildung war Toledo berühmt geworden, damals gerade erst 19 Jahre alt. Er wurde in Paris schnell zum Shootingstar der Kunstszene, bald darauf in London, Amsterdam und New York. Seine Wohn- und Schaffensplätze wechselten mehrmals zwischen Südamerika, Europa und Nordamerika, bis er sich endgültig in Mexiko niederließ. Er arbeitet mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Techniken, malt auf Leinwand und Papier, ist Lithograf und Graveur, arbeitet mit Keramik und stellt Plastiken her, entwirft sogar Motive für Drachen. Diese wiederum wecken das Interesse von Samm­­lern und Liebhabern. Von seinen Angestellten mittels Schablonen und Airbrush-Technik in Serie hergestellt, werden sie zum Verkauf angeboten. Die Papiersegel dieser Drachen stammen dabei aus seiner Papierfabrik, das benötigte Bambus fürs Gestänge aus Oaxaca. Affen, Fische, Eidechsen, Skorpione und Teufel sind typische Motive für Toledos Drachen.

Klein angefangen
Zur gleichen Zeit war Christopher Ornelas, Gewinner des Drachen-Foundation-Stipendiums 2007, in Guatemala, um die Drachen der Stadt Sumpango zu dokumentieren. Sofort danach schickte Ali ihn auf Mission nach Oaxaca, damit er weiter nach Toledos Drachen recherchiere – nicht ahnend, was er mit seiner Suche in die Wege leiten würde. Bei einem Treffen mit dem Di­­rektor der IAGO erfuhr er, dass Francisco Toledo das „Artes de Gráficas“ vor fast 20 Jahren erschaffen hatte und fast zehn Jahre später in dessen Nähe eine Papierfabrik gründete. Zwei Jubiläen standen also vor der Tür. Was lag da näher, als diese mit Drachen zu feiern? Wie so oft fangen große Projekte klein an. So auch hier. Die nächsten Schritte dauerten ihre Zeit, das Projekt lief langsam an.

Mehr als ein Jahr lang planten Ali, Christopher und die Mitarbeiter der IAGO die Drachenausstellung, die Mittelpunkt der Veranstaltung sein sollte. Dabei sollten die Drachen aus dem nahe liegenden Guatemala einen wichtigen Part bilden, ebenso wie die lokalen Drachen, hergestellt unter Toledos Anweisung. Zusätzlich sollten zwei bereits existierende Aus­stellungen der Drachen Foundation integriert werden und ein weiteres Highlight bilden: die „Artist and the Kitemaker“ der Amerikaner Greg Kono und Nancy Kiefer sowie die „SkyArt“ mit Werken der Dra­chenkünstler Jose Sainz und Nobuhiko Yoshizumi. Eine weitere wichtige Persön­lich­keit bei diesem Projekt: Scott Skinner, Präsident der Drachen Foundation. Den aufregendsten Teil sollten dabei die Dra­chen bilden, die von mexikanischen Künstlern bemalt wurden und deren Segel wiederum aus Toledos Papierfabrik stammen.

Grenzgänger
Ungefähr eine Woche vor dem „Dia de los Muertos“ trafen Scott Skinner und Greg Kono, Drachenkünstler aus Seattle, in Oaxaca ein, um die Installation der Drachen zu überwachen sowie Workshops nicht nur für IAGO-Künstler, sondern auch für Kinder zu geben. Doch überraschenderweise gab es Probleme mit dem Zoll, der Auf­bau musste auf un­bestimmte Zeit verschoben werden. Nicht nur die beiden Ausstellungen der Drachen Foun­dation hielt man an der Grenze zu­­rück, sondern auch die Drachen aus Gua­temala.

Zum Warten gezwungen, waren die beiden als Erstes damit beschäftigt, die mexikanischen Künstlerdrachen mit Gestänge aus japanischem Bambus auszustatten sowie anschließend flug- und ausstellungsfähig zu machen. Nachdem der Zoll letztendlich doch ein Einsehen hatte und die Ausstellungen freigaben, kam die nächste Hürde: Hunderte Bambusstangen wurden konfisziert. Als hätte er es bereits vorab geahnt, hatte Scott eigenes Bambus nach Mexiko mitgebracht. Sah es am Anfang noch so aus, als könnten 75 Drachen damit bestückt werden, kamen schnell 100, dann 200 zusammen. „Das war fast schon Fließ­bandarbeit“, sagt Greg und lacht. Allen Hindernissen zum Trotz nahm die Ausstellung langsam Form an.

Neue Wege gehen
Bevor die Segel der Drachen aus Gua­temala fachgerecht mit Schilfrohr aus der Region versehen werden konnten, war es wieder ein langer Weg. „Um eine erfolgreiche Ausstellung zu machen, muss man immer Kompromisse eingehen“, so Scott Skinner. „Manchmal sind es niedrige Decken, manchmal schlechtes Licht oder fehlende Befestigungsmöglichkeiten für die Drachen oder einfach nur sehr knapp bemessene Zeit, um eine Ausstellung zu installieren.“ Diese Probleme gab es in den Räumlichkeiten des „Centro de las Artes de San Augustín“, kurz CASA, das 1883 als Baumwollweberei erbaut wurde, nicht. Hier bildete die Ausstellungshalle einen passenden Rahmen, die Decken­höhe war ideal und das Licht sorgte sogar für dramatische Effekte.

Womit aber keiner von der Drachen Foundation gerechnet hatte, war das Pro­blem der Aufbewahrung und der Archi­vierung der vier gigantischen Drachen aus Guatemala, die dort nur einmalig zur Erinnerung der Toten geflogen werden, nicht aber für mehrmaligen Auf- und Ab­­bau bestimmt sind. Da die Drachen ohne Gestänge kamen, musste erst die Frage nach geeigneten Stäben geklärt werden. Scott Skinner schlug vor, das aus Mexiko stammende Schilfrohr für die Drachen, die Durchmesser von 6 und 9 Meter aufweisen, zu verwenden. „Diese leichten und zerbrechlichen Stiele können zwar nicht der wirklichen Belastung im Flug standhalten, liefern aber ein authentisches Bild und sind stabil genug, um die Drachen aufzuhängen“, so Skinners Argumentation. Nach­­dem diese Frage geklärt war, galt es das Gestänge an den Segeln zu befestigen, ohne diese dabei zu beschädigen. Wieder wurde der Vorschlag des Präsidenten der Drachen Foun­dation umgesetzt, 30 Zentimeter große durchsichtige Quadrate aus Klebefolie auf die Rückseiten geklebt. Und zwar an allen Punkten, an denen die Enden der Schilfrohre aufliegen. Durch diese Verstärkungen war ein sicherer Zusammenbau für weitere Ausstellungen gewährleistet.

Gigantisch aufgehört
Workshops zu den gezeigten Drachen rundeten die Veranstaltung ab. So konnten zum Beispiel die Teilnehmer des Workshops von Masaaki Modegi ihre Drachen in Monte Albán, der früheren Hauptstadt der Zapoteken und damit einem archäologisch höchst interessanten Platz Mexikos fliegen. Ein weiterer besonderer Höhepunkt war die erstmalige Ausstrahlung des Films über die Drachen­bauer des kleinen Fischerdorfs Juchitán, ebenfalls in der Region Oaxaca gelegen, die nicht nur aus Anlass des Todestags Drachen bauen und fliegen, sondern auch welche zum Fischfang nutzen. Mit fast 200 von Künstlern entworfenen Drachen, den Feierlichkeiten des Todestags in Kombination mit den beiden Jubiläen von Francisco Toledo und den gewaltigen Drachen aus Sumpango war die bis dato größte Aus­stel­lung der Drachen Foundation ein voller Erfolg.

Drachen von Jose Sainz

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