Old School – Historical Kite Workshop 2009
von Redaktion • 13.7.2009 • Kategorie: Wissen & Planen • Sport & Design Drachen bestellenSeit 2001 gibt es für die Freunde historischer Drachen alljährlich eine besondere Veranstaltung: den Historical Kite Workshop. Hier treffen sich Hobbyisten aus aller Welt, um den Wissensaustausch über alte Drachen und damit zusammenhängende Themen wie die meteorologische Forschung zu fördern.


Dominique Cotards Nachbau eines Vallot-Drachens

Vielen unbekannt war der russischer Seenotdrachen, der Ähnlichkeiten zum Gibson Girl aufweist

Der Workshopdrachen: Lecornu Multicellulaire

Nachbau eines Patents von Jan Westerink

Oesterle-Dreidecker fertig aufgebaut

Die Organisatoren: Karsten Wolf, Wolfgang und Heike Seitz, Frank Wolf, Christel und Günther Heinze (von links nach rechts)

Die Jugendherberge wurde zur Nähstube
Der Workshop fand in diesem Jahr im April in Bad Hersfeld in Hessen statt. Dort wurde vor wenigen Jahren eine neue große Jugendherberge eröffnet, die sich gut für diese Art Treffen eignet, denn alte Drachen brauchen viel Platz. Da auch ein historischer Drachentyp bei diesem Workshop nachgebaut werden sollte, kann man sich leicht vorstellen, wie viel Raum 50 Drachenfreunde nebst Baumaterial, Werkzeug und Nähmaschinen beanspruchen. Selbst Cafeteria und Sitzecken mussten mit Drachen geschmückt als Ausstellungsräume herhalten. Einige dieser Drachen, besonders den Oesterle-Dreidecker, hätte der Herbergsvater sogar gerne für immer dort behalten.
Historische Formen
Der Schweizer Charles Tacheron hatte einige seiner neuen Konstruktionen im Gepäck, die sich besonders durch ihre Größe auszeichnen. Während sein riesiger Lecornu Multicellulaire noch gerade so in der Herberge untergebracht werden konnte, musste der Hamburger Diamantdrachen aus Platzgründen draußen bleiben. Vielen Drachenfreunden ist der Gibson Girl oder der deutsche Seenotrettungsdrachen bekannt, aber ein russischer Vertreter dieser Art, wie ihn Ulli Draheim präsentierte, war allen bis dahin unbekannt. Bis auf die Beschriftung und die Farbe ähnelte die Konstruktion dem amerikanischen Gibson Girl, aber im Gegensatz zu anderen war er mit einem Notsender ausgestattet, der sogar Signale empfangen konnte. Neben einem Dynamo war zusätzlich eine Batterie vorhanden, auch gab es eine riesige Stabantenne und eine kleine Leselampe. Allerdings war dieses Modell durch die ganzen Funktionen schwer und sperrig, sodass es nur auf Schiffen eingesetzt werden konnte.
Die Einführung in den Workshop übernahm der französische Experte für historische Drachen Pierre Mazieres mit einem Vortrag über die Person und das Schaffen von Josef Lecornu, dem Konstrukteur des diesjährigen Workshopdrachens, dem Lecornu Multicellulaire.
Teamwork
Für den Bau zugrunde gelegt wurde der Bauplan nach Karsten Wolf, der auf dem Buch „Drachen mit Geschichte: Historische Modelle zum Selberbauen“ von Walter Diem und Werner Schmidt basiert und nur in einigen Details, zum Beispiel durch Takelungen an den Rahen geändert wurde. Mit Karsten Wolfs detaillierter Anleitung, die viele Zeichnungen und Fotos beinhaltet, sowie den fertig gebauten Drachen, die „zum Anfassen“ bereit standen, konnte der Bau losgehen. Bei allen auftauchenden Fragen standen die diesjährigen Organisation Heike und Wolfgang Seitz, Christel und Günther Heinze sowie Karsten und Frank Wolf immer freundlich und kompetent zur Seite.
Neben Leisten aus Hemlocktanne, Tulpenbaum und heimischer Buche wurde auch Flugzeugsperrholz verwendet. Den Stoff aus nahezu dehnungsfreier Baumwolle hatten die Organisatoren schon vorher mit einer Spezialmaschine zugeschnitten. So entfiel diese langwierige Arbeit für die Workshopteilnehmer. Trotzdem gab es genug zu tun. Die Stoffbahnen mussten gesäumt, die Zellen zusammengenäht und die Ecken vernäht werden.
Dann ging es weiter mit den Rechteckleisten, nach dem Brechen der Kanten erhielt jede Leiste eine andere Takelung. Danach wurden diese Leisten, auch Rahen genannt, mit dem Tuch verleimt, die Diagonalstreben eingepasst und die Gabelzinken hergestellt. Mit Ringschrauben und Quadratmuttern waren dann die Diagonalstreben zu einem Kreuz zu montieren und danach die Waage anzubringen. Wegen der aufwändigen Konstruktion sind leider nur wenige Workshopdrachen fertig geworden. Einige Drachenbauer hatten sich zu Teams zusammengeschlossen. Ein Teilnehmer bügelte, der zweite nähte, der dritte
war für die Holzarbeiten zuständig. So konnten die Arbeiten schneller vonstatten gehen.
Museumsfund
Für Abwechslung zu den praktischen Workshoparbeiten sorgte der Franzose Dominique Cotard, der Fotoaufnahmen aus dem Musée de l‘Air et de l‘Espace in Le Bourget präsentierte, einem Museum für Luft- und Raumfahrtgeschichte aus der Nähe von Paris. Vorwiegend werden dort Flugzeuge ausgestellt, der Bestand an alten Drachen hat hingegen bis vor zwei Jahren noch ein „Schattendasein“ geführt. Dominique und seinen Kollegen gelang es, die historischen Stücke aus den
feuchten Kellern des Museums zu retten. Schnell zeigte sich, dass die meisten Exemplare von Drachenpionieren wie Georges Deffain, Vallot, Auguste Gomes, Gabriel Pantenier und Théodore Saconney durch die unsachgemäße Lagerung erheblichen Schaden erlitten hatten und manche einfach zu Staub zerfielen. Dominique hatte einige „Reste“ eines Saconney-Drachens mitgebracht, die den Zerfall eines Baumwolldrachens unter Umwelteinflüssen eindrücklich dokumentierten.
Dominique und seine Kollegen beschäftigen sich mittlerweile seit zwei Jahren mit den Drachen des Museums, sie haben teilweise nach den originalen Vorbildern genaue Rekonstruktionen angefertigt. Eines dieser Exemplare, ein Drachen von Vallot, war auch auf dem Workshop zu bestaunen. Die Fotos aus dem Museum zeigten genaue Details, die den meisten der Anwesenden nur von alten Zeichnungen bekannt waren. Auch war unter anderem ein „Trolley Gomes“ zu bestaunen, eine Fotoaufhängung für Luftaufnahmen, die vom Prinzip einer Drachenfähre ähnelt.
Durch die intensive Arbeit der Drachenfreunde hat sich aber bei den Verantwortlichen des Museums die Sichtweise bezüglich der historischen Flugobjekte verändert. So ist 2010 zum Gedenkjahr für den ersten Aufstieg eines Saconney-Drachens in Frankreich ernannt worden. Aus diesem Anlass findet im Museum von Le Bourget auch eine Ausstellung über Théodore Saconney statt.
Der Raffle
Organisiert von Holm Struck und Ralf Maserski fand auch wieder der Raffle statt, eine Verlosung, dessen Erlös dem nächsten Workshop zugute kommt. Die Teilnehmer wurden schon vorher informiert, entbehrliche, aber interessante Gegenstände zum Raffle mitzubringen. Es fanden sich über hundert Artikel ein, von Drachen über Werkzeug bis zu interessanter Literatur. Diese Gegenstände wurden dann auf einigen großen Tischen präsentiert und jeweils mit einer kleinen Tüte versehen. Dann wurden Lose verkauft, die die Käufer mit ihrem Namen versehen in die Tüte des gewünschten Artikels werfen konnten. Natürlich stieg die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns mit der Anzahl der gekauften Lose, was dazu führte, dass kein Los übrig blieb. Dann hing alles nur noch von der „Glücksgöttin“ Heike Seitz ab. Gewonnen hat schließlich fast jeder, wobei der Spaß an dem Raffle den materiellen Wert der Gewinne weit übertraf.
Oesterles Fesselflugzeuge
Ein weiterer Vortrag kam von Hilmar Rilling, der über Valentin Oesterle und dessen Drachenkonstruktionen referierte. Er erklärte anschaulich die Konstruktion seines eigenen Oesterle-Drachens, den er mit einigen kleinen Änderungen nach dessen Buch „Wie baue ich mir selbst? Fesselflugzeug-Dreidecker” gebaut hat.
Valentin Oesterle nannte seine Drachen übrigens „Fesselflugzeuge”, und tatsächlich hatten viele seiner Konstruktionen auch die typische Flugzeugform. Oesterle hielt nichts von kleinen Drachen, die meisten seiner Fesselflugzeuge waren zwischen 3,50 und 7,50 Meter groß, transportiert hat er sie oft auf einem Fahrradanhänger. Da Oesterle mit seinen Drachen auch Geld verdienen wollte, hat er für viele Firmen Werbedrachen gebaut, die teilweise Flugblätter abwerfen konnten. Oesterle machte auch viele Luftaufnahmen, für die Kamerafirma Zeiss-Ikon zum Beispiel hat er sogar einen Drachen mit eingebauter Kamera gebaut. Da es zu der Zeit noch keine zuverlässige Fernsteuerung gab, wurde durch eine Zündschnur, die an einer Wäscheklammer hing, der Auslöser betätigt. Neben solchen Innovationen hat Valentin Oesterle auch ein Buch über Flugwetterkunde geschrieben.
Hilmar Rilling hatte sich ziemlich eng an Oesterles Bauanleitung und die Stückliste gehalten, aber einige sinnvolle Änderungen vorgenommen. Statt Stahldraht verwendete er Dyneema-Schnur für die Verspannungen, die Verbindungselemente sind im Original aus Aluminium, bei Hilmar aus optischen Gründen aus Messing. Vor dem Bau hatte er sich genau überlegt, ob der Drachen denn auch in sein Auto passt. Nach einem halben Jahr Bauzeit war es dann endlich so weit, der Probeflug konnte auf der Schwäbischen Alb stattfinden und gelang auf Anhieb.
Wiedersehen in 2010
Mit der Verabschiedung der Teilnehmer wurde der Staffelstab des Historical Kite Workshops weitergereicht. Der Nächste findet 2010 in der Nähe von Hamburg statt und wird von Holm Struck, Ralf Maserski und Werner Lühmann organisiert.




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