"Große Drachen bedeuten Nervenkitzel" – Sport & Design Drachen-Gespräch mit Cliff Quinn
von Redaktion • 13.11.2009 • Kategorie: Wissen & Planen • Sport & Design Drachen bestellenDer Stern hat einen stolzen Durchmesser von 5 Meter, der Kondor weist die immense Spannweite von 8 Meter auf und der Bow-Kite ist satte 4,5 Meter hoch. Mit seinen Drachen im XXL-Format war Cliff Quinn aus Coopersburg, Pennsylvania in den USA nicht nur des Öfteren erfolgreicher Teilnehmer bei Wettbewerben der American Kitefliers Association, inzwischen ist er dort langjähriges Jurymitglied. Mit Sport & Design Drachen unterhielt er sich über seine Kite-Leidenschaft.


Der Double Star mit 5 Meter Durchmesser

Gigantisch: 8 Meter Spannweite hat der Kondor

Der Rainbow Wonder sorgt auf jedem Drachenfest für Farbeffekte

Stars-and-Stripes-Style: Der Crossdeck in den Farben der amerikanischen Nationalfahne
SDD: Cliff, bitte erzählen Sie uns von Ihrer ersten Begegnung mit Drachen.
Cliff Quinn: Meine Frau und ich kamen, wie so viele, durch Zufall zum Drachenfliegen. Wir haben 1992 ein Drachenfest besucht. Sofort danach ging es in den Laden „Kite Loft“, in dem wir über eine Stunde zugebracht haben. Wir kauften allerdings keinen einzigen Drachen, nur diverse Drachenmagazine.
SDD: Haben Sie also ohne Umwege gleich mit dem Bau angefangen?
Cliff Quinn: Ja, zuerst teilten meine Frau und ich uns die Arbeit. Joyce war die Näherin, ich zeichnete für das Design und den Stoffzuschnitt verantwortlich. Unser erstes Modell war ein Crossdeck, den wir anschließend in unserem Drachenclub zeigten. Die anderen Mitglieder rieten uns, am Smithsonian Kite FestivalinWashingtonteilzunehmen. Wow, ein Drachenwettbewerb dachten wir, hatten allerdings keine Ahnung, was und wie vor Ort zu tun ist. Dort begutachtete eine Jurorin die Nähte mit Adleraugen, befühlte sie mit ihren Fingern als läse sie Blindenschrift. Dann befeuerte sie uns mit Fragen, anschließend ging es zu den nächsten Juroren. Wir waren total überrascht, als wir den ersten Preis gewannen. Bald kamen wir zu dem Punkt, an dem Joyce sagte, ich müsse von nun an selbst nähen. Das bedeutete entweder untergehen oder mich durchzubeißen. In kürzester Zeit lernte ich das Überleben an der Nähmaschine, inzwischen genieße ich diesen Teil des Drachenbaus.
SDD: Aber sicherlich gab es doch nicht nur Erfolge in Ihrer Drachenbauer-Laufbahn?
Cliff Quinn: Ich besuche so viele Workshops und Wettbewerbe wie möglich, um neue Techniken kennen zu lernen. Einen großen Misserfolg gab es natürlich auch. Bei dem Wettbewerb der American Kitefliers Association in Tulsa wollte ich mit einem Zellendrachen antreten. Die Segel waren mit 270-Meter-Scotch-3M-Klebeband zusammengeklebt und enthielten keine einzige Naht. Am Tage des Wettbewerbs tobte der Wind. Raten Sie mal, was passiert ist? Ich hatte den Drachen gerade aufgebaut, da wurde er schon vom Wind zerfetzt. Er hat es nicht einmal bis zum Wettbewerbsfeld geschafft.
SDD: Sie kennen Wettbewerbe aus der Sicht des Teilnehmers und des Jurors. Da Sie die Schwierigkeiten als Teilnehmer kennen, gehen Sie da als Jury-Mitglied anders an die Beurteilung heran?
Cliff Quinn: Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, was für neue Drachen geschaffen werden und wie sich einige Teilnehmer von Jahr zu Jahr verbessern. Natürlich kenne ich die Aufregung und spreche gerade Neueinsteigern viel Lob zu und versuche, ihnen durch Gespräche die anfängliche Nervosität zu nehmen.
SDD: Workshops, in denen Drachen gebaut werden, gibt es viele. Ihre gehen aber noch viel weiter. Was machen Sie anders?
Cliff Quinn: Das stimmt, manchmal referiere ich über Techniken des Drachenbaus. Ein Projekt fiel dabei ganz aus der Reihe, es nannte sich „Geheimnisvoller Drachen“. Die Teilnehmer erhielten ein Foto, zu dem sich jeder Gedanken machen sollte, zum Beispiel wie das Gerüst aufgebaut ist und wo die Verstärkungen angebracht sind. Anschließend wurde darüber diskutiert. Der Kurs war sehr anstrengend und lehrreich, es war eine Herausforderung für die Teilnehmer, sich grundlegende Gedanken zur Drachenkonstruktion zu machen.
SDD: Sie sind nicht nur durch Ihre Workshops in den USA bekannt, sondern auch für Ihre großformatigen Drachen. Warum reizen Sie diese?
Cliff Quinn: Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist es eine Herausforderung, große Drachenformen zu entwickeln. Man muss sich darauf zurückbesinnen, was man zu Beginn des Drachenfliegens gelernt hat. Es ist der Reiz, die verschiedenen Dynamiken, wie Aspect Ratio, Gewicht, Schwer- und Druckpunkt, die ja auf das Flugverhalten einwirken, aufeinander abzustimmen. Ein weiterer Grund für große Drachen ist der Nervenkitzel, den sie beim ersten Flug hervorrufen. Außerdem denke ich, wenn sie nicht gut genug fliegen, ist eine Fehlerbeseitigung einfacher als bei kleinen Drachen. Drittens baue und fliege ich Drachen für Zuschauer − und die lieben nun einmal große Drachen.
SDD: Sie sind auch viel auf Drachenfesten unterwegs. Was schätzen Sie an diesen Veranstaltungen?
Cliff Quinn: Ich habe keine Favoriten, genieße absolut jedes Fest, ob groß oder klein, ob nah oder fern. Etwas habe ich dabei von meinem Drachenfreund Ralf Dietrich gelernt: Genieße das Drachenfliegen, unterhalte die Zuschauer, treffe Drachenfreunde und, am allerwichtigsten, lerne Land und Leute kennen. Wenn ich zu einem Drachenfest fahre, denke ich manchmal, ich sei im Auftrag des Magazins „National Geographic“ unterwegs. Ich spreche mit den Leuten, mache Millionen Fotos, nicht unbedingt von Drachen, aber von dem, was um mich herum geschieht.
SDD: Sie sind bereits seit sechs Jahren in Rente. Verbringen Sie jetzt Ihre freie Zeit nur noch mit Drachenbau?
Cliff Quinn: Zuerst habe ich gedacht, endlich mehr Zeit fürs Bauen. Doch weit gefehlt, ich habe weniger Zeit als vorher. Wieso? Das wüsste ich auch gerne. Ein Grund könnte die Zeit sein, die ich im amerikanischen Drachenforum www.kitebuilder.com verbringe. Ich habe dort unwahrscheinlich viele tolle Drachenbegeisterte aus aller Welt kennen gelernt. Es ist erstaunlich, wie freundlich, wie großzügig und hilfsbereit sie alle sind. Vielleicht sind diese Dinge auch der Grund, dass ich das Drachenhobby weiter verfolge, mit unerschütterlicher Begeisterung.




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