Paradiesisch – Borneo International Kite Festival
von Redaktion • 13.11.2009 • Kategorie: Reisen & Erleben • Sport & Design Drachen bestellenIch musste nicht lange überlegen, als ich nach Borneo zum International Kite Festival eingeladen wurde. Zu verlockend waren die malaysische Gastfreundschaft, die Drachen-Begeisterung in der Bevölkerung, das tropische Klima sowie das würzige Essen. All dies hatte ich noch vom Drachenfest in Pasir Gudang (Sport & Design Drachen 3/2009) in guter Erinnerung.


Auf ganz Borneo kündigten große Werbeplakate das Drachenfest an

Ein Wermutstropfen für das sonst so bunte Drachenfest: der Rauch der Waldbrände vernebelte überall die Sicht

Auf Borneo gilt Drachenbauen als Kunst

Voller Enthusiasmus gingen die Drachenflieger ihrem Hobby nach

Hornvögel als Kette geflogen

Fische, Teddys, Kraken – die von deutschen Drachenfesten bekannten Großdrachen machten sich auch am Himmel über Borneo gut

Solche schönen, applizierten Rokkakus kamen auch beim Team-Wettkampf zum Einsatz

Furchterregend: typisch indonesische Drachen

Borneo International Kite Festival war auch für Kinder ein Fest

Mal ein etwas anderer Bodenanker

Kimono-Kette aus Japan

Chinesische Centipeden

Unter Einsatz aller Kräfte wurde mit Rokkakus gegeneinander gekämpft

Die chinesischen Piloten hinterließen mit ihren gewaltigen Tierdrachen einen bleibenden Eindruck
In meinem Drachenfreund Karl-Ulrich Körtel hatte ich sofort den passenden Reisepartner gefunden. Doch bevor es losgehen konnte, mussten wir erst einmal unerwartete Hürden überwinden, die uns die Fluggesellschaft Malaysia Airlines in den Weg stellte. Eigentlich in Asien als Drachensponsor bekannt, war es nicht möglich, zusätzliches Drachen-Freigepäck auszuhandeln. Im Gegenteil, es wurde sogar so knallhart kalkuliert, dass man uns pro Kilo Übergepäck 45,– Euro Gebühr (one way!) in Aussicht stellte. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als das Reisegepäck für Drachen auf 20 Kilogramm pro Person zu beschränken. Kleidung und Reiseutensilien für zehn Tage kamen ins Handgepäck. Wir waren überrascht, wie wunderbar das funktionierte!
Im Dunst versunken
Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt und liegt im indonesischen Ozean. Es unterteilt sich in den nördlichen Küstenabschnitt, der zu Malaysia gehört, und das Sultanat Brunei sowie den südlichen indonesischen Teil. Die biologische Vielfalt der Landschaften ist enorm. Es sind mehr als 15.000 Pflanzenarten bekannt, darunter allein 2.500 verschiedene Orchideen. In den Tieflandregenwäldern kommen bis zu 240 Baumarten vor. Auf Borneo gibt es die größte Blüte der Welt, die größte Höhle der Welt, die größte Orchidee der Welt, die größten fleischfressenden Pflanzen der Welt, die größten Schmetterlinge der Welt …
Nach zwölf Stunden Flug erreichten wir Kuala Lumpur, die Hauptstadt Malaysias, und nach zwei weiteren Flugstunden landeten wir in Bintulu auf Borneo. Bereits im Landeanflug waren die sich in schier unendliche Weiten erstreckenden Regenwälder zu erkennen. Der überwältigende Eindruck wurde jedoch durch die überall auftretenden Rauchsäulen getrübt. Zu dieser Zeit wüteten über 900 Feuer auf der Insel. Zum Ende der Erntezeit werden auf Borneo Pflanzenreste auf den Feldern verbrannt und die Feuer waren aufgrund extremer Trockenheit außer Kontrolle geraten. Die Luft war schwer von Rauch, in der Ferne erschien alles wie im Nebel. Für die Drachenfestteilnehmer und Besucher war das natürlich äußerst schade. Der an allen Festivaltagen herrschende Dunst ließ die Farbenpracht der Drachen nicht immer so recht zur Geltung kommen.
Durchorganisiert
Der Stimmung tat dies jedoch keinen Abbruch. Bereits auf dem Flughafen wurden wir von freundlichen Menschen in T-Shirts mit dem Drachenfestival-Logo in Empfang genommen. Das geschäftige Treiben der Organisationscrew ließ bereits erahnen, welchen Stellenwert das Drachenfest auf Borneo hat. Teilnehmerlisten wurden gecheckt, Drachenflieger auf diverse Autos aufgeteilt und zu den Hotels gefahren. Bereits am Flughafen und entlang der Autostraßen hingen riesige Werbebanner für das Festival. Im Hotel angekommen, bekamen wir ein Zimmer mit Blick auf das Flugfeld.
Erstmals im Jahre 2005 von der Bintulu Development Authority (BDA) organisiert, fand das Borneo International Kite Festival 2009 bereits zum fünften Mal auf dem alten Flugplatz in Bintulu statt. Hunderte von Teilnehmern, sowohl nationale als auch internationale, reisten zu den Wettbewerben und den Showflügen an.
International
An unserem ersten Abend fand im Hotel eine Willkommensfeier für alle internationalen Gäste statt. Drachenfreunde aus der ganzen Welt freuten sich über das Wiedersehen. Immerhin waren neben den zahlreichen einheimischen Drachenfliegern 45 Teilnehmer aus 14 verschiedenen Ländern vertreten. Allein Japan stellte eine Mannschaft von acht Drachenpiloten um Eiji Ohashi und Peter Lynn bildete mit Clyde und Jenny Cook das Team aus Neuseeland. Aus Europa waren Piloten aus Österreich, Frankreich, Portugal und Deutschland angereist, Mike Fowler vertrat Australien. Aus Asien waren noch Drachenflieger von den Philippinen, aus Singapur, Brunei, China, Thailand, Korea und Indonesien anwesend.
Das Flugfeld lag mitten in der Stadt. Die asphaltierte Landebahn und die angrenzenden Grasflächen boten ausreichend Platz für die unterschiedlichen Programmpunkte. Für die internationalen Piloten, die traditionellen Drachen und den Lenkdrachenwettbewerb gab es jeweils abgesteckte Bereiche. Die Großdrachen flogen etwas abseits vom Zuschauerbereich, was für sie aber nicht zum Nachteil war. Der Moderator holte die Piloten mit ihren Konstruktionen immer wieder auf die Aktionsfläche.
Multi-Kulti
Der Wind auf Borneo war sehr wechselhaft, meist drehte er erst gegen Mittag in die passende Richtung. Aufgebaute Zelte sorgten für den notwendigen Schatten und eine stets gut mit Eis gefüllte Truhe für ausreichend kühles Wasser. Beeindruckend war die große Schar an kompetenten Helfern auf dem Flugfeld. Niemand brauchte sich so selbst um seine Drachen zu kümmern. Immer waren Helfer zur Stelle, die die Drachen starteten und sie permanent im Auge behielten. Teilweise bis auf Augenschlitze vermummt, trotzten sie der großen Hitze, waren stets gut gelaunt und wussten bei Problemen schnell zu handeln. Dennoch verfing sich einmal Peter Lynns Schlange in einem Kranausleger, der eine Riesenturbine auf Höhe hielt. Lynn ist solche Unfälle allerdings gewohnt. Pro Drachenfest repariert er 30 Meter Nähte von Hand, wie er berichtete. Und er besucht viele Drachenfeste. Als nettes Spielzeug für zwischendurch wurden immer wieder die neuen Aerobes von Flying Wings aus den Drachentaschen geholt.
Bei Aktionen mit den traditionellen asiatischen Drachen hielten sich die europäischen Drachenpiloten allerdings zurück. An den Bau- und Flugwettbewerben der traditionellen Wau-Bulan sowie den Wettbewerben mit Kampfdrachen nahmen zum Beispiel ausschließlich Malaien teil. Die Wettbewerbe im Centipedenfliegen wiederum waren den Chinesen vorbehalten. Kulturell gemischt ging es dann wieder bei den Kreativwettbewerben, dem Lenkdrachenfliegen und dem Rokkakukampf zu.
Absolut faszinierend war das bunte Durcheinander von Menschen und Drachen zum Ende der Veranstaltung, als das ganze Feld zum freien Fliegen freigegeben wurde. Malaien, Chinesen, Europäer, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters hatten eines gemeinsam: sichtlichen Spaß am Drachenfliegen. Bei diesem Kite Festival wurde die Idee Malaysias vom friedlichen Miteinander der Kulturen tatsächlich gelebt.
Weltoffen
Bintulu in der Welt bekanntmachen, Touristen ins Land holen und daraus
wirtschaftlichen Erfolg für die Region ziehen. Das war das Ziel der Veranstalter. Radio- und Fernsehsender zeigten großes Interesse an der Veranstaltung. Teile des Team-Rokkaku-Kampfs wurden sogar live übertragen und mein Kollege Karl-Ulrich Körtel wurde vom landesweiten Fernsehen RTM interviewt. Vor allem die chinesischen Zeitungen berichteten täglich ganzseitig und mit vielen Bildern über das Drachenfest. Die Reporter versorgten die Aktiven als besonderen Service täglich mit den aktuellen Ausgaben ihrer Zeitungen.
Nahezu perfekt beherrschten die Malaysier die Inszenierung der öffentlichen Auftritte ihrer VIPs. Staatsmänner und Regierungshoheiten gehörten ebenso zum offiziellen Drachenfestprogramm wie Siegerehrungen und große Bankette. Selbst die Politiker ließen es sich nicht nehmen, ihre Besuche mit Drachenfliegen zu beenden. Urkunden, Pokale und kunstvoll arrangierte Obstkörbe wurden reichlich verteilt. Wenn auch die Kriterien der Verteilung nicht immer ganz nachvollziehbar waren, war es eine besondere Überraschung für den Autor, den 1. Platz für den “Most Creative Kite” erhalten zu haben.




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