Sport & Design Drachen

Das Magazin für Drachen-Sport

Großmeister: Scooter von Scirocco-Kites

von Redaktion • 22.7.2008 • Kategorie: Bauen & Fliegen • Sport & Design Drachen bestellen

Bisher hatte ich aus der Dra­chenmanufaktur Scirocco-Kites von Matthias Franke die Drachen Zack, Thunder, Squeeze und die Mightys (S und L) an den Leinen. All diese Drachen zeichnen facettenreiche und überzeugende Flugeigenschaften mit hohem Entwicklungspotenzial für ihre Besitzer aus. Aber auch ein ausgesprochen unkom­pliziertes und verbindliches Flugverhalten, das der Auf­nahme enger, freundschaftlicher Beziehungen zwischen Pilot und Drachen förderlich ist. Ob der Scooter dieses Markenzeichen der Franke-Drachen ebenfalls aufweist?



Mit Stoppperclip, Glasfaserband und Gummi­zügen stellt die Mittelkreuz­sicherung des Scooter einen Sonderfall dar

Segelsaum, beidseitiges Dacron und breit angelegte Mylarfolie verhindern langfristig ein Ausleiern der Schleppkante unter der straffen Abspannung durch die Stand-Offs

Die Kersch-Verbinder sind in breiten, kaum sichtbar verstärkten Ausschnitten der Leitkanten hervorragend gestoppt. Die Einfassungen der Leitkanten sind sehr schön mit dem Segel vernäht

Auf den fünften Knoten an den oberen Seitenverbindern und den zweiten Knoten am Mittelkreuz eingestellt, kann der Scooter seine unverwechselbaren Flugeigenschaften hervorragend ausspielen

Die zierliche und gut geschnittene Nase des Scooter besitzt überdurchschnittliche Nehmerqualitäten. Kevlar-Einlage sei Dank

Der Scooter glänzt mit einem großartigen Erscheinungsbild …

… und einer durchgängig sauberen Segelverarbeitung

Rasant schießt der Scooter auf den Beobachter zu, um kurz vor ihm nach oben abzudrehen

Die Flugeigenschaften des Scooter beschreibt Matthias Franke auf Scirocco-Kites-Homepage (www.scirocco-kites.de) wie folgt: „Schnell loo­pen­der, extrem wendiger Powerdra­chen, der aber trotzdem mit einer hohen Prä­zision und viel Kontrollierbarkeit da­­herkommt. Sein optisches Erscheinungs­bild lässt ihn zum absoluten Genussflieger avancieren.“ Große Worte. Man darf also gespannt sein, ob der so gelobte die Vorschusslorbeeren zurecht trägt.

Made in Germany
Nach dieser sicherlich viel versprechenden Ankündigung nehme ich den Preis des Scooter zur Kenntnis, der mir mit 269,– Euro zumindest vorübergehend den Atem verschlägt. Dieser Eindruck relati­viert sich dadurch, dass der Scooter vom Meister höchstpersönlich in Deutsch­land gefertigt und mit einem sehr hochwertigen RTF-Set geliefert wird. Ohne dieses liegt der Preis aber immer noch bei satten 240,– Euro, denen der Drachen schon einiges an Qualitäten entgegensetzen muss, um ihnen gerecht zu werden. Wid­men wir uns daher gleich den hochwertigen Beilagen zum Hauptgang. Geliefert wird der Scooter in einer soliden Dra­chentasche, deren groß dimensionierter und deshalb sehr nachhaltig schließender Klettverschluss eine Safe-Charakteristik besitzt. Ein langes, ebenfalls mit Klettband verschließbares Fach enthält das Zubehör des Scooter, eine Gebrauchsanleitung und die umfassende Beschreibung des Waage­tunings. Das mitgelieferte RTF-Set besteht aus Climax-Powerlines von 140 Deka­newton und 35 Meter Länge von Ockert. Dazu passen die supergepolsterten Hand­schlaufen.

Der unspezifische Teil der Gebrauchsanleitung vermittelt wertvolles Grundlagenwissen und hilfreiche Tipps zum Fliegen von Lenkdrachen, nicht zuletzt aber auch die elementar wichtigen Sicher­heitstipps, die sich jeder ab und zu mal wieder ins Gedächtnis rufen sollte. Im Scooter-spezifischen Teil der Gebrauchs­anleitung finden sich ausführliche Hinweise zum Umgang mit den vielfältigen Verstellmöglichkeiten der Waage und den damit einhergehenden Veränderungen der Flugeigenschaften. Außerdem sind dort die Gestängemaße sowie -materialien und die Waagemaße aufgeführt, was im Falle einer Reparatur sehr hilfreich ist.

Erhabenes Outfit
Das außergewöhnliche Erscheinungsbild des Scooters strahlt eine fernöstlich anmutende disziplinierte Souveränität und kühle, distanzierte Eleganz aus. Der Begriff „Großmeister“ ist eine passende Assoziation dazu. Das Wort „großartig“ ebenso. Die Materialwahl des Gestänges ist mit Exel-Cruise-Stäben, 8 beziehungsweise 10 Millimeter stark, den hohen Leistungen angemessen, die dieser Drachen erbringen soll. Die 20 Paneele aus Chicara mit 42 Gramm pro Qua­dratmeter sind tadellos mit großen Segel­machernähten zusammengenäht. Ebenfalls akkurate Segelmachernähte verbinden das Segel des Scooter mit den Einfassungen für die Leitkanten, deren Ausschnitte für die Kersch-Seitenverbinder großzügig dimensioniert und weiträumig mit doppelten Lagen Dacron verstärkt sind. Dabei ist die zusätzliche Lage nicht einfach auf die Leitkante, sondern aus Gründen der Optik unter sie genäht. Die Schleppkanten des Drachens finden in breiten Säumen Platz. Die zierliche und zu den Einfassungen der Leitkanten hin sauber abschließende Nase ist aus Lkw-Plane gefertigt und zusätzlich zu den üblichen Polsterungen durch Dacron noch mit Kevlarband unterlegt, was sie dem hehren Ideal der Unverwüstlichkeit um einige Schritte näher bringt.

Zwischen oberer Spreize und Kielstab finden sich auf dem Segel beidseitig aufgenähte Stücke besagter Lkw-Plane, die es vor zermürbendem Abrieb schützen. Die beidseitige Dacron-Verstärkung des Segels um das 10-Millimeter-Mittelkreuz herum ist relativ eng geschnitten. Dieses wird zur Nase hin mit einem Stopperclip und einigen Wicklungen Glasfaserband an seinem Platz gehalten. Außerdem üben zwei Gummizüge und die daran angehängten Spannschnüre der Schleppkanten im Fall eines Frontalcrashs eine bremsende Wir­kung auf das Mittelkreuz aus. Die Belastungspunkte am Segel in den Bereichen der Stand-Off-Clips sind nicht nur beidseitig mit Dacron verstärkt, sondern auch weiträumig mit Mylarfolie hinterlegt. Die Winglets des Scooter werden auf der Segelrückseite mittels Segellatten über „Gummibärchen“ unterhalb der unteren Seitenverbinder und stabile Taschen am Segel abgespannt. Längs der Segellatten und weit um die Taschen herum ist reichlich Mylarfolie verarbeitet, um ein Ausleiern des Segels unter der hohen Spannung durch die Segellatten zu verhindern.

Durchdacht
Der Scooter besitzt eine außergewöhnliche visuelle Ausstrahlung. In den Disziplinen Materialwahl und Segelver­arbeitung ist er ein durchweg hochwertiger Drachen. Insbesondere die Maßnahmen zum Schutz des Segels stellen bis in die kleinsten Details durchdachte, sehr aufwändige und zum Teil sogar originelle Lösungen dar. Bevor der Scooter in den Wind gelassen wird, setze ich mich mit der Waage und dem Waagetuning des Drachens auseinander. An der Waage aus Schnüren von 140 Dekanewton fällt auf, dass sich zwischen den Schenkeln zu den oberen Seitenverbindern und den Schenkeln zum Mittelkreuz je ein weiteres durchhängendes Stück Waageschnur befindet. Dieses Detail ist ein weiteres Merkmal der Durchdachtheit des Scooter und soll verhindern, dass sich der Waageschenkel zum Mittelkreuz hinter dem Kielstabende verfängt, was bei einer missglückten Landung oder infolge unkontrollierten Abtrudelns durchaus passieren kann. An den oberen Seitenverbindern befinden sich je eine Leiter mit sieben Knoten, am Mittelkreuz zwei Leitern mit drei Knoten. In der Standardeinstellung sind die betreffenden Waageschnüre hinter dem fünften Knoten der oberen und dem zweiten der unteren Waageschnüre mit Buchtknoten fixiert.

Die Spannweite des Scooter ist mit 275 Zentimeter angegeben und er erreicht sie in aufgebautem Zustand (Flugspannweite) mit 273 Zentimeter fast. Dies steht im Gegensatz zu manch anderen Drachen, deren Spannweite ermittelt wird, indem der Drachen „bis zum geht nicht mehr“ gestreckt und dann ausgemessen wird, was bei einem Drachen dieser Größenordnung nach dem Aufbau einen Verlust von etwa 15 Zentimeter bedeuten würde. Schön, dass man bei Scirocco-Kites auf diesen „verkaufspsychologischen“ Trick verzichtet hat. Es wäre gut, wenn dieses Beispiel Schule machen würde.

Am Himmel gibt der Scooter mit seinem außergewöhnlichen Outfit ein großartiges Bild ab. Er ist schon deshalb ein Genussflieger ersten Ranges. Dass er aber auch andere Qualitäten hat, beweist er an einem Tag mit sehr böigen Winden zwischen einem und 6 Bft. und großen Luftlöchern. Der härtesten Bewährungsprobe für einen Drachen bezüglich seiner Binnenlandtauglichkeit. Ich fliege ihn an den mitgelieferten Climax Powerlines von Ockert. Diese und ihr Gewicht hindern den Scooter auch bei schwächerem Wind um ein Bft. nicht daran, sich zeitlupengleich fortzubewegen und dabei noch gut lenken zu lassen. Ab 2 Bft. aufwärts nimmt er rapide an Geschwindigkeit zu. Etwas über dieser Windstärke legt er superenge Spins um einen imaginären Punkt im äußeren Quadranten der jeweiligen Flügelspitze hin. Dieser enormen Wendigkeit hat er wohl auch seinen Namen zu verdanken (scooter = Roller).

Geschmeidig
In höheren Windstärken werden seine Spins für einen Drachen dieser Größe rasant. Der Scooter verlässt sie jedoch auch bei abrupter Ausleitung schnurgerade und ohne Nachdrehen, absolut präzise und berechenbar. Die Zunahme an Power in Böen gestaltet sich nicht brachial-schlagartig, sondern eher geschmeidig – aber dennoch nachhaltig. Luftlöcher überbrückt er, als seien sie nicht da, er zeigt auch bei diesem „Hackwind“ keinerlei Tendenz zum Strömungsabriss. Auch nicht am Rand des Windfensters, wo er sich bei plötzlicher Abnahme des Winds nicht etwa verabschiedet, sondern einfach in Richtung Mitte des Windfensters bewegen lässt. Ein weiterer Flug findet bei stabilen 4 bis 6 Bft. statt. Sogar bei starkem Wind empfinde ich den Flug mit dem Scooter als stressfrei. Sein absolut leichtes, präzises und berechenbares Handling machen es mir möglich, auch bei 6 Bft. mit dem Scooter trotz seiner hohen Geschwindigkeit, der starken Zugent­wicklung und meiner Eigenbewegung auf dem „Arschleder“ einen irrwitzig schnellen Tanz aus riskanten bodennahen Flugmanövern mit Abwärtsrollen knapp über der Grasnabe, schnellen Spins und Horizontalflug fast mit Bodenkontakt hinzulegen. Ohne Überlegung, wie in Trance, nur dem augenblicklichen Impuls folgend.

Dann folgen enge, liegende Achten mit einigen rasend schnellen Spins rechtsherum, linksherum, halb liegende schnelle Fortbewegung geradeaus, 100 Meter weit, leider Ende der Wiese und damit auch der Vorstellung. Ein benachbarter Kiter hat längst seine große Matte gelandet, um zuzusehen. Die Einstellungen der Waage habe ich fast alle (außer der ganz flachen und zugarmen) ausprobiert. Steilere Einstellungen an der oberen Knotenleiter erhöhen naturgemäß Power und Speed, auf den dritten Knoten der unteren Leiter eingestellt, fliegt der Scooter noch präziser und mit größeren Spins, was aber zu Lasten der unglaublichen Wendigkeit geht. Sein einzigartiges, charakteristisches Gesicht zeigt der Scooter aber in der Serieneinstellung seiner Waage (fünfter Knoten oben, zweiter Knoten unten). Mit der aus meiner Sicht perfekt gelungenen Kombination seiner sämtlich hoch angesiedelten Flugeigenschaften – wie leichtem Handling, hoher Präzision, atemberaubender Wendigkeit, Speed und satter Power – ist der Scooter ein Lenkdrachen, der die landläufige Meinung über All­rounder, diese könnten zwar alles, aber eben nichts richtig, eindrucksvoll widerlegt. Kurz gesagt: Er setzt neue Maßstäbe und vermittelt die pure Freude am Fliegen.

Vorfreude
Matthias Franke plant bereits eine verkleinerte Version des Scooter mit einer Spannweite von 200 bis 220 sowie eine Großversion mit 340 bis 350 Zentimeter. Sollten diese auch nur ansatzweise die Qualitäten ihres Bruders vorweisen, so darf man sich schon jetzt auf zwei neue Drachen der absoluten Spitzenklasse freuen.

Rasant und voller Power präsentiert sich der Scooter von Scirocco-Kites. Dennoch kommt auch der entspannte Fluggenuss nie zu kurz

 

 

 

Mit horizontal und vertikal vernähter Mylarfolie ist das Segel im Bereich der Winglets sehr gut gegen Überdehnung gerüstet

www.alles-rund-ums-hobby.de | Top Artikel