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Black Pearl – Wilde Hilde von Space Kites

von Redaktion • 3.3.2010 • Kategorie: Bauen & Fliegen • Sport & Design Drachen bestellen


In den Jahren 1992 und 1993 entwickelte Michael Tiedtke von Space Kites einen Hochgeschwindigkeitsdrachen und nannte ihn „Wilde Hilde“. Dieser Kite hatte keine Stand-Offs und zeichnete sich neben einer sehr hohen Geschwindigkeit auch durch ein äußerst problematisches Startverhalten aus. Dieses veranlasste einige seiner Piloten, den Drachen während des Starts auch gleich zu „verschrotten“,
ohne mit seinen sonstigen guten Flugeigenschaften Bekanntschaft geschlossen zu haben. Hinzu kam die Erkenntnis, dass zu dieser Zeit Speed-Kiting ohnehin nicht besonders angesagt war. Daher legte Michael
Tiedtke das Projekt „Wilde Hilde“ auf Eis. Längst ist das Eis geschmolzen: Hochgeschwindigkeitsdrachen sind im Kommen – für Tiedtke Grund genug, die Wilde Hilde wieder auferstehen zu lassen.


Manchmal sieht die Wilde Hilde richtig böse aus


Schnurgerade Nähte, Segellatte in stabiler Tasche am Segel, Stand-Off mit Verstärkung, Waage mit Auffangschenkel – alles tadellos verarbeitet


Der Mittelkreuzbereich ist sehr solide verstärkt und verarbeitet


Segelschutz: Breite Einfassung für die APA-Verbinder und Doppelsicherung mit Clip und Gummi


Chillig zu fliegen: Mit durchhängenden Leinen bei wenig Wind



Schwarz ist nicht gleich Schwarz: Auch wenn das Design des Testdrachens es nicht vermuten lässt, Farbspiele sind auch in dieser Variante möglich


Feinmotorik und Speed im Grenzbereich



Die aktuelle Wilde Hilde stellt eine völlige Neuentwicklung dar und hat mit ihrem Ursprungs­konzept aus den 90ern nur noch die Abspannung der Winglets durch je eine Segellatte gemeinsam.

Schwarzmalerei?
Die Wilde Hilde ist in den Farben Rot/Schwarz, Gelb/Schwarz, Blau/Schwarz und ausschließlich Schwarz erhältlich. Der durch und durch schwarze Testdrachen sieht trotz seiner geringen Größe ein bisschen böse aus – eine milde Warnung, die man nicht ignorieren sollte.

Der Preis von 99,– Euro für die knapp 144 Zentimeter Spannweite der Wilden Hilde überrascht. Was kann ein Drachen dieser Größenordnung bieten, um diesen Preis zu rechtfertigen? Aus seinem wenig Schutz bietenden, aber Raum sparenden Sack aus Fahnentuch befreit und aufgebaut, relativiert sich das Bild: Es gibt wohl kaum einen kleinen Drachen, dessen Wert so ins Auge springt, wie es bei der Wilden Hilde der Fall ist.

Mehrwert
Das Segel der Wilden Hilde aus Porcher Marine mit 42 Gramm pro Quadratmeter besteht aus nur zwei Paneelen. Dies ist bei diesem Drachen kein Kritikpunkt, sondern muss als sinnvoller Bestandteil eines konsequent auf Hochgeschwin­digkeit ausgelegten Konzepts verstanden werden: Viele Paneele sind eben auch mit vielen Nähten verbunden, die die Geschwindigkeit des Drachens abbremsen. Es bedarf kaum noch der Erwäh­nung, dass die Näharbeiten am Segel der Wilden Hilde, wie zum Beispiel am Saum der Schleppkanten, den Leitkanten und allen Verstärkungen, auf höchstem Niveau ausgeführt sind. Die Profilierung des Segels erfolgt durch zwei Stand-Offs und durch zwei Segellatten, die es über HQ-Verbinder an der durchgehenden unteren Spreize abspannen. Die Stand-Offs sitzen in Clips am beidseitig verstärkten Segel. Die Taschen am Segel, die die biegsamen Segellatten zur Abspannung der Winglets aufnehmen, sind auf der Vorder- und Rückseite bis zu den Einfassungen der Leitkanten mit Dacron verstärkt.

Das drehbare Mittelkreuz hält die rechts und links durch einen Clip vor Verrutschen gesicherte durchgehende untere Spreize an ihrem Platz. Der enge Mittelkreuzbereich ist auf der Vorderseite des Segels umfassend und auf der Rückseite zusätzlich mit Dacron verstärkt. Die aufwändigen Stopper­lösungen (Clips und Gummi) an den mit APA-Verbindern besetzten 5-Millimeter-Seitenstäben von Exel verhindern in Verbindung mit den vergleichsweise riesigen Ausschnitten der Leitkanten sehr wirksam Beschädigungen des Segels auch bei schweren Abstürzen. Der Mittelstabbereich des Segels wird mit doppelten Seilzügen über eine Splitkappe und zwei Schlaufen am unteren Rand der Verstärkung des Mittelkreuzes abgespannt. Die Spannschnüre für die Schleppkanten sind jeweils am Ende des Segels vernäht und die Abspannung der Leitkanten erfolgt doppelzügig über Splitkappen am Ende der Seitenstäbe. Die Endbereiche des Segels sind sehr großzügig mit Dacron verstärkt. Im Bereich der sehr stabilen und überstandsfreien Nase aus Lkw-Plane ist das Segel durch Dacron gegen die Spannkräfte der Abspannung über den Kielstab und durch den Wind gesichert. Die Nase ist mit Kevlar unterlegt, das ihr auch bei Frontalcrashs gute Überlebens­chancen sichert.

Ruhe vor dem Sturm
Die Dreipunkt-Waage der Wilden Hilde ist an den oberen Verbindern mit vier Knoten ausgestattet, über die der Anstellwinkel des Drachens den Windverhältnissen angepasst werden kann. Kleine Aussparungen in der Mitte der Leitkanten beherbergen je einen Tampen mit ebenfalls vier Knoten, mit dem die Länge der daran befestigten Auf­fangschenkel der jeweiligen Waageein­stellung gemäß zu justieren ist. Die Auffangschenkel verhindern ein Durch­biegen der Seitenstäbe unter extremem Winddruck – angesichts des möglichen Einsatzbereichs der Wilden Hilde bis 9 Bft. eine absolut notwendige Maßnahme.

Es ist ungewöhnlich, dass ein als Hochgeschwindigkeitsdrachen ausgewiesener Kite schon ab 2 Bft. in der Lage sein soll, zu fliegen. An 40 Dekanewton-Leinen und auf dem ersten Knoten der Waageverstellung funktioniert das dann tatsächlich, wobei man von der Wilden Hilde jetzt noch keine Flugwunder erwarten sollte. Sie lässt sich schon bei wenig Wind relativ gut starten, benötigt aber sanfte Lenkbefehle, um langsame, große Kreise ins Windfenster malen zu können. Ab 3 bis 4 Bft. und an 60 Dekanewton-Leinen baut die Hilde merklich Druck auf, die Kreise werden enger und bei 4 Bft. weist sie mit deutlicher Zunahme der Geschwindigkeit auf ihre Zweck­be­stim­mung hin.

Sturmflug
Wer die Wilde Hilde bei mehr als 4 Bft. fliegen will, sollte sich – und vor allem dem Kite zuliebe – Zeit zum Kennenlernen des Drachens nehmen: Die Wilde Hilde startet auch bei stärkerem Wind absolut leicht, sie schießt einfach in den Himmel und bleibt da oben stehen. Jetzt sollte man im oberen Bereich des Windfensters seine Reaktionsbereitschaft auf die Geschwindigkeit des Drachens einstellen und sich die Lenkwege aneignen. Wählt man zu lange Lenkwege, verliert er spürbar an Präzision, eventuell stellt sich auch Kontrollverlust durch Strömungsabriss ein. Wer dann nach diesem „Warm Up“ die passenden Lenkwege „drauf“ hat, stellt sehr schnell fest, dass die Wilde Hilde nicht zu den „Dragstern“ unter den Hochgeschwindigkeitsdrachen zählt, die zwar sehr schnell geradeaus fliegen können, aber auf Lenkimpulse oder
wechselhafte Windverhältnisse störan­fällig reagieren.

Die Wilde Hilde verfügt über Allround-Eigenschaften, die das Fliegen mit ihr auch unter widrigen Inland-Wind­verhältnissen zum ungetrübten Erlebnis geraten lassen: Stark auffrischender Wind von 4 und 5 Bft. mit Luftlöchern und in Böen um die 6 Bft. und mehr, 60 Dekanewton, 25 Meter Leinen bis zum Limit, zweiter Knoten der Knotenleiter: Die Hilde schießt in den Himmel. Man sollte sich bei jedem neuen Starkwindflug immer wieder – wie beschrieben – auf den Drachen einstellen. Mit irrer Geschwindigkeit rast die Hilde knapp über dem Boden durch das Windfenster. Dann auf schnellen und kurzen Lenkimpuls hin in die entgegengesetzte Richtung zu fliegen, ist ihre Spezialität. Sie wirbelt herum und schießt ohne Nachwackeln fast auf derselben Höhe parallel zum Boden zurück.

Szenenspiele
Ein Lieblingsmanöver: Mitten im Windfenster rast die Wilde Hilde in Richtung Boden. Kein Nachdenken mehr, Außeneinflüsse aus der Wahrnehmung ausgeblendet, Konzentration, Reaktion in Sekundenbruchteilen. Ein schneller und feinmotorisch präziser Ruck (Lenkweg) rechts, die Hilde vollzieht eine blitzschnelle 90-Grad-Wende (Hand zurück) nach links und fetzt mit einem Meter Entfernung über den Boden. Gänse­hautmanöver: Die Hilde in anderthalbfacher Höhe ihrer Spannweite durch das Windfenster jagen und sie dann nach einer Abwärtsrolle in die andere Richtung weiterrasen lassen. Die Spins der Wilden Hilde sind bei starkem Wind blitzschnell und können nur noch nach Gefühl in die gewünschte Richtung ausgeleitet werden.

Ab 4 Bft. entwickelt die Wilde Hilde einen handfesten Zug, den man einem Drachen dieser Größe kaum zutraut, sodass es spätestens ab 6 Bft. ratsam ist, stärkere Leinen mit 75 Dekanewton zu wählen. Ab zirka 8 Bft., die das Binnenland im Verlauf des Testzeitraums leider nicht hergab, empfehlen sich sogar 100-Dekanewton-Leinen.

Auf Luftlöcher reagiert die wilde Hilde souverän und ohne Strömungsabriss, auf Windböen mit schneller Zunahme von Speed und Power. Ihre Geräuschentwicklung ist gering. Man hört nur ein leises, hochfrequentes Surren. Die Herstellerempfehlung für die Länge der Flugleinen reicht von 25 bis 35 Meter. Gemessen an der Größe des Drachens eignet sich die Länge von 25 Meter am besten, um die Flugpotenziale der Wilden Hilde optimal auszunutzen. Letztlich ist es aber eine Sache der persönlichen Einschätzung und Flugvorlieben, welche Leinenlänge man wählt.

Neue Dimension
Die Wilde Hilde von Space Kites ist auf überdurchschnittlich hohem Niveau bis ins kleinste Detail durchkonstruiert und verarbeitet. Sie belegt eindrucksvoll, dass Hochgeschwindigkeitsfliegen viel mehr sein kann, als nur schnell geradeaus zu fliegen. Mit ihr kann man High-Speed auch auf andere Manöver übertragen, die dann mit höchster Konzentration und ausgefeilter Feinmotorik in Zeitraffer absolviert werden wollen und eine eigene Dimension des Drachenfliegens begründen. Umso bedauerlicher, dass die Wilde Hilde ohne Anleitung geliefert wird, was aber in absehbarer Zeit geändert werden soll.

Insgesamt ist die Wilde Hilde ein großer Drachen im kleinen Kleid, der auch langjährigen und erfahrenen Piloten neue Möglichkeiten eröffnet. Die durchweg sehr beeindruckenden Eigen­schaften der Wilden Hilde in Mate­rialwahl, Verar­beitung und Flugverhalten machen sie zu einer absoluten, ihren Preis mehr als werten Empfehlung.

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